Antwort auf die Auszeit

This one is for the children.

Vielen Dank für eure zahlreichen, ehrlichen Kommentare zu meinem letzten Beitrag: „Time Out – Gefährliche Auszeit für das Selbstwertgefühl deines Kindes“. Es ist offensichtlich ein hochemotionales Thema. Ich höre auch, wie defensiv manche Eltern werden. Im Hinblick darauf, wie anstrengend diese frühen Jahre teilweise sein können, kann ich das gut verstehen und verurteile hier niemanden.

Eine Diskussion bezüglich der Auszeit Methode ist aber gut, denn so kommt sie etwas mehr ins Gespräch und wird hoffentlich von mehr Eltern hinterfragt

Um eines richtig zu stellen:

Keinesfalls geht es uns darum, Kindern die natürlichen Grenzen und Konsequenzen ihres Handelns vorzuenthalten, dies halte ich für Vernachlässigung. Wie viele von euch schon geschrieben haben: Es ist unsere Aufgabe als Eltern, unsere Kinder auf das Leben in der Gesellschaft vorzubereiten, ja. Es ist aber auch unsere Aufgabe unserem Kind so viele Ressourcen wie möglich mitzugeben, die ihm helfen, mit den schwierigeren Situationen dieses Lebens umzugehen.

Dies geschieht meiner Meinung nach nicht durch das Anwenden der Auszeit, sondern durch sanftes und respektvolles Kommunizieren von Grenzen (sanft blocken, „ich lasse dich nicht hauen, ich lasse dich nicht beißen…“) und darauf folgendes Reflektieren und Benennen der Gefühle seitens des Kindes.

Bis ins späte Kleinkindalter ist der präfrontale Cortex des Kindes noch sehr unreif – gepaart mit starker Impulsivität (hier ein Video, das mehr dazu erklärt) und großen Emotionen ist dann eine Standardreaktion auf überwältigende Situationen das Hauen, Beißen oder Schreien.

Das ist nicht frech oder manipulativ, sondern liegt in der Natur des Kindes.

Aber man macht diese überwältigenden Situationen auf lange Sicht nicht einfacher für Kinder, indem man sie wegschickt. In der Tat ist es noch zu schwierig für die Kleinen, diesen hochkomplexen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung – gepaart mit der Ablehnung der Eltern (während der Auszeit!!!) in dieser stressigen Situation zu verstehen und zu reflektieren. Das wäre so, wie von einem kleinen Baby zu erwarten loszulaufen. Auf lange Sicht macht man so eine für das Kind stressige Situation noch stressiger! (Nebenbei: Kortisol, ein Stresshormon, lässt sich sehr leicht am Speichel messen (ist also gut untersucht worden) und senkt sich während der Auszeit nicht, auch wenn dein Kind danach ruhiger erscheint – es ist innerlich immer noch in einem alarmierten Zustand).

Wir gehen davon aus, dass Kinder von Grund auf gute Wesen sind und dass sie nicht hauen, beißen oder mit Sand werfen, weil sie sich gerade mal überlegen, frech sein zu wollen. All dies sind Experimente, um über das gemeinsame Leben und das Zusammensein mit anderen zu lernen/ oder eben klare Signale an die Eltern: „Hilfe, SOS. Ich bin gerade überfordert. Bitte bring mich an einen ruhigen, friedlichen Ort, an dem ich mich mal so richtig bei dir ausweinen kann“.

Man kann die Kleinen hier mit sanften, respektvollen, natürlichen Grenzen und Verständnis abholen. Da Kinder dies aus Neugier oder eben Überwältigung tun, ist auch eine Strafe (und das ist die Auszeit) nicht nötig. Ja, es ist wichtig, dem Kind einen ruhigen Ort zu geben, wenn es außer sich ist und klar kommuniziert, dass gerade alles zu viel ist. Absolut.

Aber warum denn allein?

Warum nicht zusammen? Warum das Kind ablehnen und wegschicken, warum nicht durch das emotionale Gewitter begleiten? Das hat für uns nichts mit Verhätscheln zu tun, sondern mit emotionaler Bildung und Resilienz.

Denn durch deine Präsens und durch deine erklärenden Worte bringst du deinem Kind bei, sich langsam aber sicher nicht mehr von seiner Wut überwältigen zu lassen, sondern diese Gefühle anhand deines Vorbildes selbst zu regulieren, statt sie zu unterdrücken.

Die Auszeit Methode trifft Kinder dort, wo es ihnen am meisten weh tut. In der Beziehung zu ihrer geliebten Mutter/ ihres geliebten Vaters etc. Das kann ein Kind sehr verunsichern und wie hier schon einige Eltern richtig angemerkt haben – man erreicht dadurch oft das Gegenteil von dem, was man erreichen möchte.

Nämlich ein verunsichertes Kind, das stressige Situationen später als potentielle Gefahr wahrnimmt (weil es viel zu früh weggeschickt wurde um zu „reflektieren“), anstatt in sich verankert seine Gefühle zu verstehen und zu navigieren. Mittlerweile ist die Bindungsforschung ja Gott sei Dank sehr gut bekannt und wir alle wissen, dass eine sichere Bindung viele Probleme im späteren Leben vorbeugen kann.

ALLE Bindungsforscher, also ALLE Spezialisten auf diesem Gebiet raten aus den oben benannten Gründen vehement von dieser Methode ab. Uns geht es absolut nicht darum, Fronten zu schaffen oder irgendwen zu verurteilen. Davon gibt es für Eltern wahrlich schon genug in der Gesellschaft , aber uns geht es darum, den Eltern, die sich nicht wohl fühlen mit der Auszeit Methode Alternativen zu geben und sie aufzuklären. Wenn man mal damit angefangen hat, kann man immer einfach damit aufhören und dem Kind erklären, dass man Dinge von nun an anders versucht. In meiner Erfahrung nehmen Kinder dies unglaublich dankbar an. Wir alle tun unser Bestes.

Lasst uns nicht auch noch aufeinander losgehen, aber ein respektvoller Austausch ist doch etwas Feines, oder? Euch und euren Lieben wünschen wir jedenfalls alles, alles Liebe und Gute. Eure Eltern-Evolution.

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