Ein Liebesbrief an die „Cycle Breaker“

Einer meiner Lieblingsdozenten hat mal in meiner psychotherapeutischen Ausbildung zu mir gesagt, dass er sich bei jedem seiner Patienten über folgendes bewusst ist:

Ein Mensch sitzt niemals nur „allein“ als abgelöste Instanz vor einem, sondern hinter ihm steht eine lange Reihe seiner unsichtbaren Vorfahren, die alle einen großen Einfluss auf diesen Menschen und sein seelisches Innenleben haben. Nicht nur unsere Eltern, sondern auch deren Eltern und deren Eltern und deren Eltern. Dasselbe gilt natürlich auch für uns selbst.

Sich über diesen intergenerationalen Transfer bewusst zu werden – und dessen Konsequenzen auf unser Denken und Handeln – ist oft die herausforderndste und auch wichtigste Aufgabe für uns Eltern, wenn es um den Umgang mit unseren kleinen Kindern geht. Niemals mehr wird unser Grad an Reflexion einen so großen Einfluss auf einen Menschen haben.

Arbeite ich mit Eltern, die genau diesen (oft schwierigen, unbequemen und schmerzhaften) Weg ihren Kindern zu Liebe gehen wollen, so muss ich immer wieder an den „Liebesbrief an die Cycle Breaker“ denken.

Meine liebe Kollegin Annie Reneau von Motherhood and More hat mich mit diesem Beitrag zu Tränen gerührt. Wir hatten die Idee, ihn auch mit den deutschen „Cycle Breakern“ (Kreislauf-Durchbrechern) zu teilen… Vielleicht berühren euch ihre Worte genauso sehr wie mich. Es ist mir eine große Ehre, ihn auf Deutsch übersetzten und teilen zu dürfen:

Es gibt Superhelden unter uns. Sie sind verkleidet als ganz normale Mütter und Väter. Die Mitglieder dieser außergewöhnlichen Spezies von  Eltern wickelt ihre Kinder, kocht ihnen Mittagessen und bringt sie Abends ins Bett – genau wie der Rest von uns.

Aber hinter den Kulissen kämpfen sie mit einer Art der Dunkelheit, die keiner von uns sehen kann.

Mein Vater war einer dieser Superhelden. Ich war mir für den Großteil meiner Kindheit nicht darüber bewusst, obwohl alle Anzeichen da waren. Ich kann mich nicht genau daran erinnern, wann ich zum ersten Mal seinen Superhelden-Umhang bemerkte, der unter seinen normalen Klamotten versteckt war. Doch als ich von zu Hause auszog, da hatte ich schon eine gute Vorstellung darüber, wieviel Zeit und Energie er damit verbrachte, Bösewichter in seinem Kopf zu bekämpfen.

Während ich heranwuchs hörte ich Geschichten, manchmal auch nur Teile dieser Geschichten. Ein Großvater, der seine Frau verprügelte, bevor er seine Söhne mit seiner Polizeipistole die Straße herunter jagte. Eine Mutter, die von Alkoholismus und Wut geplagt wurde. 6 Geschwister von 6 unterschiedlichen Vätern. Eine geliebte Geige, die im Suff und in Rage in viele Stücke zertrümmert wurde. Stück für Stück wurde die traurige Kindheit meines Vaters in all ihren dunklen Farben an mich herangetragen. Er erzählte uns nicht alles. Nur genug, so dass wir einen Eindruck von seinem Hintergrund hatten. Superhelden müssen ja schließlich auch Geheimnisse bewahren.

Nun bin ich selbst Mutter dreier Kinder und habe einen Eindruck davon, wie schwierig Elternschaft unter den besten Umständen sein kann. Nun erkenne ich meinen Vater als den kreislauf-durchbrechenden Helden, der er war. Ich bin mir absolut darüber bewusst, dass die Hölle, die er in seiner Kindheit erlebte, weil er in eine verwundete Familie geboren wurde, auch gut meine Kindheit hätte sein können.Der Kreislauf von Sucht und Missbrauch, die Vererbung von ernsthaft fragwürdigen mütterlichen und väterlichen Vorbildern, die Weitergabe von Bitterkeit und Rage als Familienerbstücke – ich habe diese Phänomene in anderen Familien über die Jahre selbst bezeugt. Es ist das einfachste, für die Sterblichen menschlich zu sein.

Aber an einem Punkt trat mein Vater in die Telefonzelle und leistete seinen Eid, mehr als die Summe der Erfahrungen seiner Kindheit zu sein. Er nahm den Kampf mit den Monstern auf, die ihm auf seinem Weg folgten und erklärte den gestörten Dämonen in ihm den Krieg. Er beschloss, seinen Kindern die Kindheit zu geben, die er selbst nicht hatte.

Und dies meistens mit Erfolg. Ich erinnere mich an Familienurlaube, Gelächter während des Abendessens und Umarmungen vorm Einschlafen. Ich sehe meinen Vater immer noch vor mir mit Seitenstichen vor Lachen, weil mein Bruder erzählte, dass sein adoptierter Stein angeblich ein AA auf den Boden gemacht hätte. Ich kann Sonntagmorgens seine berühmten Brownies im Ofen riechen, während Stevie Wonder im Hintergrund trällert. Ich höre immer noch seine Stimme, wie sie bei Konzerten, Theaterstücken oder anderen Zeremonien den Raum erfüllte: „Das ist MEINE Tochter!“ Er war immer stolz auf mich. Ich wusste immer, dass ich tief und innig geliebt wurde.

Aber es gab auch die Kriegswunden, die er nicht verstecken konnte. Ich erinnere mich daran, dass er Abends zum Treffen der „Erwachsenen Kinder von Alkoholikern“ ging und wie ich mich fragte, was wohl dort geschah. Ich erinnere mich an schöne, aber auch angespannte Besuche von Onkeln und Großeltern. Ich erinnere mich auch an die Familiendramen der erweiterten Familie. Ich spüre immer noch die Trauer über den Selbstmord meines Onkels (der jüngere Bruder meines Vaters), als ich 10 Jahre alt war – zu jung, um zu verstehen, dass mein liebenswerter, lustiger Onkel den selben Krieg führte, wie mein Vater… Und ihn verlor. 

Und ich wurde auch Zeugin gelegentlicher Niederlagen – zusammengepresste Kiefer und blitzende Augen, während die Dämonen an die Oberfläche kamen – und wie dies den Boden unter meinen Füßen rütteln lies. Ich erinnere mich an Momente, in denen meine Mutter (ebenfalls eine Superheldin) sanft diese Monster zähmte. Ich erinnere mich daran, wie ich mich ihnen selbst einmal stellte, während ich meinen Vater anbettelte, härter zu kämpfen... Bevor er leise den Raum verließ, um die Monster allein zur Schlacht zu tragen. Er entschuldigte sich immer für die verlorenen Schlachten.

Aber ich erinnere mich daran, dass er viel mehr Schlachten gewann. Anstrengungen und Stärke manifestiert in tiefen Atemzügen und angespannten Augenbrauen. Seine Bewegungen bekamen eine andere Geschwindigkeit und Energie, wenn er das Wut-Monster herausforderte. Instinktiv wusste ich, dass ich sanft zur Seite treten musste, damit er genug Raum zum Bau seiner Festungen und zum Planen seiner Strategien hatte. Nach einer gewissen Zeit entdeckte ich manche seiner Waffen – sein Glaube, Gebete, Bücher, Routine, Entspannungszeiten, klassische Rockalben – und ich sah auch, wieviel einfacher der Kampf war, wenn er diese Waffen pflegte und stets bei sich trug.

Ich weiß, es war nicht einfach. Ich bin mir sicher, dass er das Gefühl hat, uns enttäuscht zu haben. Mein Vater war nicht perfekt. Das stimmt. Aber keine Mutter und kein Vater ist das – und auch kein Superheld im Übrigen. Alle haben ihr Kryptonit. Aber die Tatsache, dass er immer wieder zu dieser Telefonzelle zurückkehrte…

Diese Tatsache definiert seine Vaterschaft für mich. Ich bewundere meinen Vater aus vielen Gründen. Am meisten aber bewundere ich seinen Mut und seine Tapferkeit auf dem inneren Schlachtfeld.

Als Erwachsene habe ich andere wie ihn getroffen, sie alle erstaunen mich. Es bedarf übermenschlicher Kräfte und Ausdauer, um diesen Kampf täglich zu kämpfen. Um den gestörten Dialog in deinem Kopf auszublenden. Um die Wut und den Missbrauch zu besiegen. Cycle Breaker sind mit einem Ballungsraum an riesengroßen Gebäuden konfrontiert – und solch hohe Sprünge müssen einfach erschöpfend sein.

Wenn du also eine Mutter oder ein Vater mit einem verwundeten Hintergrund bist, und du deine Kinder anders aufziehen möchtest…

Wenn du still in deine eigenen Kriege ziehst, die der Rest der Welt nicht sehen kann…

Dann will ich, dass du weißt, dass du fantastisch bist.

Eltern sein ist verdammt hart, selbst mit gutem psychologisch-emotionalen Werkzeug – also muss es sich für dich bestimmt manchmal unmöglich anfühlen. Aber du schaffst das. Entscheide dich immer wieder für deine Telefonzelle. Gib nicht auf.

Wenn du unsicher bist, erinnere dich daran: Die Belohnungen für deine Mühen sind umfangreich und weitreichend. Du beschützt deine eigene Familie, ja, aber deine Heldentaten berühren ebenfalls die Gesellschaft. Kinder mit minimalem Schaden sind ein Geschenk an die Welt. Ernsthaft. Wie viele großartige Denker und potentielle Pioniere wurden von den Narben ihrer Kindheit zurückgehalten? Wieviel des Schmerzes, den Menschen aneinander weiterreichen, ist das Produkt des intergenerationalen Transfers von Missbrauch und Vernachlässigung?

Also trage deinen Umhang mit Stolz, Cycle Breaker. Habe keine Angst davor, deinen Kindern Tipps über deine geheime Identität zu geben. Du musst ihnen nicht alles sagen, aber gib ihnen einen Eindruck von dem, was du durchmachst. So kannst du sie vor deiner Dunkelheit schützen.

Ich bin meinem Vater dankbar, dass er diesen Dämonen den Kampf angesagt hat. Deine Kinder werden es auch dir danken.

Den wunderbaren Originaltext von Annie findet ihr hier.

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